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Charkiw, 1995


Die Kinder im Westen lernen schon früh nicht mit Fremden Auto zu fahren. In der ehemaligen Sowjetunion aber macht man immer noch Autostop.

Ich beobachte und lerne. Du streckst deine Hand aus und das Auto verlangsamt. Du sagst einen Strassennamen, der Fahrer sagt einen Preis, du sagst einen anderen, er sagt „Vergiss es!“ und weg ist er. Dann kommt der Nächste, du sagst den selben Strassennamen. Er sagt „Komm herein“, du machst es. Wenn du dich nicht auf einen Preis festlegst kann es dir passieren, dass du beim Aussteigen lediglich ein Grunzen hörst.

Es war an einem kalten Morgen, und ich konnte es nicht abwarten in einem warmen Wagen zu sitzen. Ich strecke meine Hand aus. Ein kleiner blauer Wagen hält an, und sofort steige ich, als ob es ein alter Freund er Familie wäre, in den Wagen ein ohne etwas zu sagen oder zu fragen. Wir fahren wortlos die Puschkinskajastrasse hinunter zur Schul (Synagoge). In der Eile habe ich vergessen einen Preis festzusetzen. Als ich bezahlen will, weigert sich der Fahrer das ihm angebotene Geld anzunehmen. Er will überhaupt keine Bezahlung. Ich bin verwirrt und es ist zu früh am Morgen um zu streiten.

„Was verstehst du nicht?“, sagt er. „Schau mich an. Ich bin ein Jude; mein Name ist Cohen. Soll ich etwa von einem Jeschiwa-Jungen Geld verlangen, wenn er nach Schul will?“ Ich danke ihm und kaufe später ein Cola mit dem Geld.

Schnee fällt und bleibt liegen. Ein Flocken nach dem Anderen, der Matsch scheint zu schäumen. Schneefahrzeuge drehen ihre Runden. Das Eis wird härter. Der Gehsteig geht in eine endlose Strasse über. Die Verkäufer und Bettler manövrieren sich gekonnt durch die Kälte.

Heute nacht ist eine jener Nächte, in denen ich nichts tun möchte als mit meiner Katze zu knuddeln. Aber das ist völlig unmöglich. Erstens ist heute die fünfte Nacht von Chanukka. Zweitens habe ich keine Katze.

Heute Nacht werden Hunderte von russischen Juden öffentlich religiöse Freiheit zelebrieren. Heute wird der Religionsminister von Charkiw, Vladimir Voldovsky, sich dem Oberrabiner von Charkiw, Moshe Moskovitz, anschliessen um die riesige Chanukkia zu zünden. Heute Nacht werden wir den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit feiern. Oder wir werden es zumindest versuchen.

Woher kommt die Chanukkia? Wer hat sie gebaut? Vielleicht waren es sogar die Makkabäer selbst?

Die Chanukkia von Charkiw wurde durch russische Studenten aufgebaut, der ersten Gruppe von Lubawitscher Studenten, die nach Charkiw kamen. Was wissen junge Jeschiwa-Jungs über das Bauen einer Riesenchanukkia, wenn sie bei null anfangen müssen? Doch das werde ich für eine andere Geschichte aufbewahren. So etwas wie „Hundert Wege eine Chanukkia in Russland zu bauen“. Oder „Die Chanukkia, die aus dem Schnee kam“. In der Ukraine fragt man nicht, „Woher kommt das?“. Wenn du etwas hast, dann benützt du es. Und heute steht die Chanukkia aufrecht da, jeder Strasse auf der Welt zugewandt, angefangen bei Ulitsa Puschkinskaja.

Heute nacht werden der Oberrabbiner und der Religionsminister rechtzeitig kommen und mit einem geliehenen Bockkran die fünf Petroleum-Laternen anzünden. Der Glasschutz wird die Nacht hindurch die Flamme am Leben erhalten, und die Wärme wird die gefrorenen Menschenherzen zum schmelzen bringen. Das war der Plan. Und das hätte eigentlich passieren sollen. Dafür hatten wir Werbung gemacht. Das ist, was die Hunderte, die gekommen waren, sehen wollten. Aber russischer Alltag ist das, was passiert, wenn du Pläne hast.

Heute ist Jossi in der Schul drinnen und versucht die gefrorenen Laternen in Betrieb zu setzen. Draussen warten Hunderte in der Kälte. Der russische Kranführer ist wütend und will gehen. Meine Finger sind gefroren und riechen nach Gas.

Ich renne um zu sehen, wie es den Laternen geht, doch ein kleiner Mann hält mich an. „Hast du eine Schaufel?” Er bietet mir an, den Schnee von den Stufen vor der Schul wegzuschaufeln. Ich sage ihm, dass die Idee wundervoll sei, ich ihm mit der Schaufel jedoch nicht helfen könne. „Erinnerst du dich an mich?“ Er zeigt auf einen kleinen blauen Wagen. Cohen ist gekommen um zu feiern, und unter Mitjuden zu sein. Cohen will seinen Teil beitragen, doch er hat dies schon getan. Er ist gekommen.

Jossi und Jefim haben drei Laternen zum Brennen gebracht. Aber wie können wir nur drei Laternen in der fünften Nacht zünden? Wir brauchen ein Chanukka-Wunder, ein Lichtwunder.

Der Minister spricht einige Worte auf Russisch; der Rabbiner setzt vorsichtig die erste brennende Laterne auf, dann die zweite und dann die dritte. Dann versucht er langsam die vierte und fünfte anzuzünden. Ich schliesse meine Augen und warte auf das Wunder, doch es gibt keines. Die Musiker beginnen zu spielen, und die Juden tanzen im Schnee. Der Kran macht sich aus dem Staub. Nur Minuten später gehen zwei Lichter wieder aus; nur ein Licht brennt hell weiter. Ich gebe meinen Nachbarn die Hand und fange an zu tanzen, zu feiern, unter Brüdern zu sein. Herr Cohen lächelt und klatscht in die Hände.

Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Ich strecke meine Hand aus, und ein Wagen hält an. Wir fahren ein bisschen, und dann schaue ich zurück durch das angeschlagene Fenster, und ich sehe das Wunder des Lichts. 70 Jahre Kommunismus, und eine Flamme brennt immer noch weiter. Russische Juden können immer noch tanzen. Und autostoppen ist immer noch sicher. Nun ja, zumindest heute nacht.

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von Shmuel Marcus
Shmuel Marcus wohnte während einem Jahr in Charkiw, Ukraine, um mit Juden zusammenzuarbeiten, die im Chaos einer auseinanderbrechendes Sowjetunion ihre Wurzeln suchten. Diese Erfahrung verarbeitete er u.a. im Buch “Chicken Kiev”. Heute arbeitet er als Chabad-Rabbiner in Cypress, Kalifornien.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des omek Magazine Chabad/Zurich

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