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Hochmut und Demut


Am Pessach ist es den Juden streng verboten, Sauerteig oder andere gesäuerte Speisen zu essen. Brot wird durch Mazza ersetzt – flache Oblaten, die nur aus Mehl und Wasser bestehen. Überall auf der Welt nehmen sich Juden am Pessach sehr in acht, dass sie auch nicht das kleinste Krümchen Chamez (Sauerteig) genießen.

Das hauptsächliche Merkmal von Chamez ist es, dass der Teig bald in die Höhe geht und anschwellt; dies ist ein Symbol des Stolzes und der Prahlerei. Die Mazza dagegen ist dünn und flach, womit Demut und Sanftmut angedeutet sind. Auf diese Weise lehrt uns das Pessachfest, dass "Chamez" – Hochmut – das glatte Gegenteil des Tora-Ideals darstellt.

Wenn ein überheblicher Mensch vor die Aufgabe gestellt sieht, eine Mizwa auszuüben, die ein gewisses Maß von Selbstüberwindung fordert (wie z.B. Wohltätigkeit, wo er seine Habe mit einem Armen teilen muss), dann geht er dieser Verpflichtung gern aus dem Wege. Er redet sich etwa folgendes ein: "Mir geht es gut, weil ich es verdiene. Nein, mir steht eigentlich noch mehr zu, als ich augenblicklich habe. Wie kann ich da überhaupt etwas abgeben?" Hinzu kommt, dass der Überhebliche, in seinem ausgeprägten Egoismus, die Würdigkeit seines Nebenmenschen gar nicht sieht; und so kommt er selbstgefällig zu dem Schlusse, dass der andere tief unter ihm steht. Warum der andere arm ist, dafür ist der Grund ihm, in seiner abwegigen Denkweise, klar: "Er verdient es ja nicht besser!" Und dementsprechend ist seine Schlussfolgerung: "Wenn schon G-tt es für richtig hält, dass dieser Mann arm sein soll, soll ich mich da denn einmischen und ihm helfen?".

Solche selbstgefälligen Gedankengänge bringen den Stolzen dazu, weiter und weiter Böses zu tun. Jedoch sieht er dabei nie die Schlechtigkeit seiner Handlungen ein, und erst recht bereut er sie nicht. Sollte er dennoch schließlich die Schlechtigkeit seiner Handlungen zugeben müssen, dann entdeckt er als Entschuldigungsgrund oft die verschiedensten Ursachen, die alle angeblich außerhalb seiner Macht liegen, und die – in seinen Augen – seine Handlungsweise unvermeidlich machen. Und sollte er gar keine Entschuldigung zur Beschwichtigung seines Gewissens finden können, dann geht bei ihm an: "Die Selbstliebe deckt alle Versündigungen zu" (Sprüche Salomons 10, 12). Er mag sogar ein ganz boshafter Sünder sein (s. Talmud, Joma 36b), und selbst mit all seiner Erfindungsgabe und Phantasie mag er sich keinen Entschuldigungsgrund zurechtmachen können; doch seine Selbstliebe macht ihn blind und deckt seine Bosheit zu.

Genau umgekehrt dagegen ist die Einstellung des Demütigen, einerlei ob es um sie Erfüllung der Gebote oder Reue für frühere begangene Sünden geht. Auch hier können wir die Mizwa von Zedaka (Wohltätigkeit) als Beispiel anführen: ein bescheidener Mensch vergleicht sich mit einem anderen Juden in einer Weise, wie es sich geziemt. Er denkt sich: "Bin ich denn besser als er? Verdiene ich mein Glück?". Wenn er die Situation rein objektiv betrachtet, bringt er sich dazu, mit seinem Nebenmenschen zu fühlen und ihm zu helfen.

Weiterhin ist festzustellen, dass der anspruchslose Mensch, wenn er falsch handelt, sich nicht dazu veranlasst sieht, sein schlechtes Gebissen zu rechtfertigen (s. Kuntress Umajan 15, 16). Im Gegenteil: ehrliche Selbstprüfung bringt ihn dazu, "Tschuwa" zu tun, d.h. seine Fehler wahrhaft zu bereuen.

Jedes Jahr zu Pessach ist uns von der Tora geboten, alle Spuren von Chamez aus unserem Bereiche zu entfernen. Wir müssen uns also selbst des kleinsten Krümchens von "spirituellem Chamez" entledigen, nämlich der Hochmut, damit wir klar unsere eigenen Fehler und die guten Eigenschaften des anderen erkennen können.

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KommentarKommentar

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"

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