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Es ist niemals zu spät


G-tt legte fest, dass der Auszug aus Ägypten, den wir während der augenblicklichen Pessachtage feiern, im Frühling stattfinden sollte (Schmot Rabba 15, 11; Or Hatora, S. 264). Noch mehr: die Tora selbst besteht ausdrücklich darauf, dass stets genau darauf geachtet wird, dieses Fest im Frühjahr zu feiern, wie es heißt: "Halte den Frühlingsmonat inne, um darin das Pessach dem Ewigen, deinem G-tte, zu begehen; denn im Frühlingsmonat führte der Ewige, dein G-tt, dich aus Ägypten bei Nacht" (Deut. 16, 1). Eben diese Tatsache des Auszuges im Frühjahr wird von unseren Weisen (Mechilta zu Exodus 13, 4, zitiert von Raschi z.St.) dahingehend interpretiert, dass damit G-ttes besondere Güte angezeigt wird, indem er nämlich die Juden aus Ägypten in der klimatisch angenehmsten Jahreszeit herausführte. Wie es bei allen anderen Themen in der Tora der Fall ist, können auch von dieser Stelle bedeutsame Aspekte und Lehren abgeleitet werden.

Im Kreislauf der Natur bringt der Frühling all jene Naturkräfte wieder zum Leben, die während des Winters geruht hatten und verborgen waren; das Gras fängt wieder an zu wachsen, und auf den Bäumen sprießen Blüten, um später zu reifer Frucht zu gedeihen.

Der gleiche Gedankengang kann auf den Menschen angewandt werden, denn auch in seinem Leben kann es einen Zustand des "Winters" geben, eine Zeit scheinbarer Unergiebigkeit. Aber kein Jude und keine Jüdin sollte sich so einschätzen – und erst recht andere nicht so beurteilen –, als sei seine oder ihre Wirksamkeit zu Ende, selbst wo eine lange "unfruchtbare" Periode hinter ihnen liegt. Wenn es nur die richtige Eingebung und den entsprechenden Antrieb gibt, kann ein solcher Zustand von "Winter" mit Leichtigkeit und ganz plötzlich wieder in einen "Frühling" verwandelt werden, in eine Zeit von Knospen, die dann schließlich zu guten Früchten für G-tt und Menschen reifen werden.

Die bezeichnende Wichtigkeit der "Frühjahrszeit" im jüdischen Leben wird gerade durch dieses Pessachfest unterstrichen, wie es in dem oben zitierten Vers der Tora angedeutet wird: "... denn im Frühjahrsmonat führte der Ewige, dein G-tt, dich aus Ägypten ..." Zweihundert und zehn Jahre hatten die Kinder Israel in Ägypten zugebracht, in einem Zustand körperlicher und geistiger Versklavung; sie hatten in der Abscheulichkeit des damaligen Ägypten stagniert und vegetiert. Es sah ganz so aus, als könne sich das jüdische Leben nicht erneuern und nicht verjüngen. Doch da kam es, mitten im Frühlingsmonat, zum Auszuge, und plötzlich waren die Israeliten in völliger Freiheit – so frei, auch geistig aller Fesseln ledig, dass sie nach nur kurzer Zeit würdig waren, die Tora zur empfangen, womit der Höhepunkt und die Erfüllung aller Weltordnung erreicht wurde.

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von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"

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