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Über die Zehn Gebote


In der dieswöchigen Sidra schildert die Tora, wie das Volk der Israeliten, sieben Wochen nach seinem Auszuge aus Ägypten, das bedeutsamste Ereignis in seiner gesamten Geschichte erlebte – die Entgegennahme der Tora am Berge Sinai.

Die ersten Gebote, die ihnen vom Berge entgegenschallten, gaben den erhabensten Ideen der Einheit G-ttes Ausdruck (Exodus 20, 2 ff): "Ich bin der Ewige, dein G-tt. Du sollst keine anderen Götter neben Mir haben". Es ist nicht allzu schwierig, zu begreifen, warum diese sublimierten Gedanken von G-tt selbst, in all Seiner Herrlichkeit, Seinem Volke dargeboten wurden.

Die späteren Gebote jedoch – "Du sollst nicht morden, du sollst nicht stehlen" usw. – sind eigentlich für jede normale menschliche Gesellschaftsordnung so grundlegend, dass sie seit frühesten Zeiten in den meisten Staatsgesetzen oder Verfassungen vorzufinden sind. War es daher wirklich nötig, diese am Sinai selbst aufzustellen (oder zu wiederholen), mit all der ehrfurchtgebietenden Majestät G-ttlicher Offenbarung? Wären sie nicht auch ohnedies alsbald als Grundsätze der sozialen Struktur des jüdischen Volkes festgelegt worden?

Dazu denn ist zu sagen, dass diese Offenbarung durch G-tt einen sehr triftigen Grund hatte und einen ebenso wichtigen Zweck verfolgte: Wir müssen derlei "selbstverständliche" Vorschriften wie "nicht zu töten" oder "nicht zu stehlen" gerade deshalb befolgen, weil sie uns von G-tt geboten worden sind. Jedermann muss sich vor dem Morden hüten, und zwar nicht allein deshalb, weil das Blutvergießen eine durch und durch asoziale Tat ist und in krassestem Widerspruch zu jedem menschlichen Verhalten steht, sondern weil G-tt es so befohlen hat (vgl. Maimonides, "Schmona Prakim", Kap. 6).

Wenn immer und wo immer unser Tun und Lassen sich ausschließlich auf unser Verstehen von Recht und Unrecht verlassen will, kann es nicht selten dazu kommen, dass unsere Eigenliege uns blind macht. Dann sehen wir die Wesensart unserer eigenen Handlungen aus schiefer Perspektive, wir beurteilen sie falsch; und dann suchen wir uns auch gleich schon selbst zu überzeugen, dass unser Verhalten entweder völlig in Ordnung oder zumindest den Umständen entsprechend durchaus gerechtfertigt ist. Tatsächlich aber können wir nur dann ganz sicher sein, dass wir moralisch und ethisch richtig handeln, wenn dieses unser Verhalten die Tora und die von G-tt gesetzten Normen Grundlage hat und sich allein durch sie leiten lässt.

Dieses Prinzip sollte sich in unserem eigenen Zeitalter nur allzu klar herausstellen, und zwar im Zusammenhang mit den Gewaltmassnahmen der Nationalsozialisten. Waren denn gerade die Deutschen, als ein "Volk der Dichter und Denker"(!) nicht in hohem Grade befähigt, die richtigen Prüfsteine von Recht und Unrecht anzulegen? Dennoch sanken viele unter ihnen in die bodenlosen Tiefen von Bestialität – wobei sie immerfort noch vorgaben, sie seien von der moralischen Richtigkeit (Rechtfertigung) all ihrer Handlungen absolut überzeugt.

Daher also zuerst: "Ich bin der Ewige, dein G-tt" ... und gerade deshalb dann weiter: "Du sollst nicht morden".

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KommentarKommentar

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"

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Betrachtungen für die Woche
Die g-ttliche Ethik von Sinai
Das "Tora-Geschäft"
Die Frauen kamen zuerst
Im "Atomzeitalter"
Über die Zehn Gebote
Weihung des Alltags
Zuerst kommt das Tun