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Die reine Festfreude


Mit Simchat Tora feiern wir den Abschluss des Jahreszyklus' der allwöchtlichen Tora-Vorlesungen. An diesem Tage lesen wir bekanntlich den letzten Absatz der Tora und beginnen sogleich wieder mit Bereschit, ihrem Anfang. Demgegenüber feiern wir am Schawuot-Feste die Entgegennahme der Tora damals am Berge Sinai. Die Frage lässt sich stellen: Weshalb freuen wir uns mit der Tora mehr am Simchat Tora als am Schawuot? Dies lässt sich aufgrund der folgenden Überlegungen beantworten.

Zum Zeitpunkt, als die Tora am Sinai verkündet wurde, war das jüdische Volk auf dem Höhepunkt geistiger Vervollkommnung angelangt. Die Israeliten waren Zaddikim, absolute Gerechte, bevor sie die ersten steinernen Gesetzestafeln entgegennahmen; jede Spur von Sünde war ausgelöscht. Einige Zeit später, nachdem sie sich durch das Anbeten des Goldenen Kalbes schwer versündigt hatten, wurden sie schließlich zu Baale Tschuwa von ehrlicher Reue erfüllt. Dieser Akt von Umkehr war Ursache und Anlass, dass sie nunmehr für würdig befunden wurden, die zweiten Gesetzestafeln zu erhalten; und dies geschah am Jom Kippur jenes Jahres.

Die ersten Tafeln wurden den Zaddikim bei Donner und Blitz übergeben, als Himmel und Erde erbebten. Sie waren jedoch nicht von Dauer; bald wurden sie zerbrochen, und zwar, als es zur Anbetung des Goldenen Kalbes gekommen war. Ganz anders ging es zu, als die zweiten Tafeln dem Volke am Jom Kippur übergeben wurden; es ging sehr ruhig vonstatten – ein Symbol der stillen Aufrichtigkeit des Baal Tschuwa, einer Ehrlichkeit, die wahrhaft anhaltend und unauslöschlich ist, die ihren Niederschlag auf die Gedanken und das Herz des Juden findet und so seine ganze Lebensweise bestimmt. Und diese zweiten Tafeln waren von Dauer. Es ist dies der Grund, dass unsere Freude so sehr lebhaft am Simchat Tora ist, welches doch bald auf den Jom Kippur folgt, auf den höchsten Tag reuiger Umkehr.

Betonung erfährt gerade dieser Punkt auch durch ein Wort des früheren Lubawitscher Rebben, Rabbi Josef Jizchak Schneersohn s.A., welches lautet: "Die Segnungen und Verzeihungen, um die man an den ehrfurchtgebietenden Tagen so innig fleht, wenn man sich an G-tt in feierlichen Gebet und in ehrlicher Zerknirschung wendet, können am Simchat Tora in Freude und Frohsinn erlangt werden, beim Tanzen mit der Tora."

An diesem Tage sind alle Juden, ganz gleich, zu welchen Schichten sie gehören, von den Führern und Ältesten bis hin zum "gewöhnlichen Manne", gleichwertig. Es ist dies kein Tag der schwierigem Tora-Studium, komplizierten Überlegungen gewidmet ist; es ist vielmehr ein Tag an dem alle, unbeschadet ihrer Intelligenz und ihres Wissens, mit der Tora tanzen und sich mit ihr freuen können. Und während dieses Tanzens wird die Tora-Rolle nicht an irgendeiner bestimmten Stelle geöffnet, sondern sie bleibt zusammengerollt und mit ihrem "Mantel" bedeckt; und der Jude tanzt mit ihr, in ihrer Vollständigkeit. Der Jude vereinigt sich dabei so sehr mit der Tora, dass er "eins" mit ihr ist, und seine tanzenden Füße sind sozusagen die Füße der tanzenden Tora-Rolle selbst – einer "menschlich gewordenen" Tora.

Es ist die Zeit "unsere" Freude (im Plural), dem die Tora freut sich zusammen mit dem Juden, und der Jude mit der Tora; und alle Juden, ungeachtet ihres Standes oder ihrer Verhältnisse, können an der Simcha teilnehmen.

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von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
Das Bild ist von der chassidischen Künstlerin Shoshannah Brombacher. Um ihre Bilder zu sehen oder zu kaufen, klicken Sie hier.

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