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Tanz der Buchstaben

Tanz der Buchstaben

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Als er schon weit über neunzig Jahre alt war, erzählte Reb Gerschon Schwarz sel. A. von einem Ausflug zum Hof von Rabbi David Twerski, dem Tolner Rebben:

„Mein Vater fuhr oft an die Höfe großer jüdischer Persönlichkeiten, um von ihnen Worte der Weisheit, der Nächstenliebe und der ethischen Weisung zu hören. Es war meinem Vater sehr wichtig, mich stets mitzunehmen, obwohl ich damals noch ein kleiner Junge war. Er wollte, dass auch ich die Gerechten und Weisen der Generation persönlich sehen würde. Besonders freute ich mich immer auf die Reisen zum Tolner Rebben, denn wir Kinder spürten alle, dass er eine besondere Zuneigung für uns hatte. Er schenkte uns stets vollste Aufmerksamkeit, und unterhielt sich oft mit uns über die Schule und Freunde.

Eines Schabbats saßen wir beim Morgengebet in der Tolner Synagoge und hörten die Lesung des wöchentlichen Abschnittes; plötzlich hielt der Vorleser abrupt inne – er war auf einen Fehler in der Torarolle gestoßen! Eine fehlerhafte Torarolle aber kann nicht zum Vorlesen benutzt werden; ein anwesender Rabbiner entschied, dass der betreffende Buchstabe tatsächlich so unklar sei, dass man für die Fortsetzung der Lesung besser eine zweite Torarolle benutzen sollte. Der Tolner Rebbe aber war anderer Meinung und so standen die beiden, der Rabbiner und der Tolner Rebbe, lange Zeit über die geöffnete Torarolle gebeugt. Sie kniffen die Augen zusammen und betrachteten den Buchstaben von nah und von fern aus allen erdenklichen Winkeln und – konnten sich nicht einigen. Der Rabbiner sah keine Möglichkeit, den Gebrauch der ersten Rolle zu erlauben, der Rebbe aber hielt sie für fehlerfrei. Schließlich schlug der Rebbe vor, einen kleinen Jungen entscheiden zu lassen – die in solchen Zweifelsfällen übliche Prozedur. Würde der Junge dieses Wort lesen können, galt die Torarolle als akzeptabel, gelang ihm das nicht, war sie fehlerhaft und wurde ausgetauscht.

Der Rebbe drehte sich zu den Bänken mit den kleinen Kindern und blickte gerade auf mich zu. Dieser Moment hat sich mir so tief eingeprägt, dass ich manchmal denke, es wäre gestern geschehen, und nicht vor 90 Jahren.

Der Rebbe winkte mich mit einer Handbewegung auf das Podium, wo aus der Tora gelesen wurde. Zitternd stand ich auf und ging unsicher auf das Podium zu, meine Knie gaben bei jedem Schritt nach. Ich wusste nicht, warum mich der Zaddik gerufen hatte. Die Leute in der Synagoge schienen jeden meiner Schritte zu beobachten. Der Rebbe beugte sich zu mir und fragte mich sanft: „Gerschon, sag mir, kannst du schon lesen?“

Ich war etwa 6 Jahre alt damals und hatte etwa ein halbes Jahr zuvor mit dem Lesen begonnen. In meiner Klasse war ich einer der schwächeren Schüler und ich konnte nicht verstehen, warum mich der Zaddik ausgerechnet hier in der Synagoge während des Gebets prüfen wollte. Was, wenn ich kein Wort über die Lippen brächte? Was würde mein Vater sagen, der in meiner Nähe stand und auf mich blickte? Im Moment darauf hatte man mich schon auf einen Stuhl vor die offene Torarolle gestellt.

Der Rabbiner nahm den schönen, silbernen Zeiger, den man für die Toralesung benutzt und zeigte auf ein Wort. Ich sah das Wort klar vor mir und las es sofort mit lauter, klingender Stimme. Und ohne zu verstehen, warum, las ich den gesamten Vers bis zum Ende, die Worte begannen plötzlich vor meinen Augen zu tanzen, ja sie vollführten einen wahren Freundentanz und die Torarolle sprühte ein wunderschönes, glitzerndes Farbenspiel.

Der Rebbe lächelte, als er mich lesen hörte und streichelte mir über die Wange: „Gerschon, mein Lieber, du hast mir viel Freude und Vergnügen mit dem Lesen bereitet. Ich möchte mich dafür bedanken mit einem Segen für ein gutes, gesundes und langes Leben.“

Ich war sehr verwirrt von all diesen Ereignissen, und als ich benommen zu meinem Platz zurückkehrte, las der Vorleser schon wieder aus der Torarolle, die dem Rebben so viel bedeutete.

Wie Sie sehen können, ging der Segen des Zaddiks in vollstem Maße in Erfüllung, mehr als man erhoffen darf. Ich bin mittlerweile 96 Jahre alt und meine Gesundheit lässt, G-tt sei’s gedankt, nichts zu wünschen übrig.“

Reb Gerschon Schwarz erfreute sich ungewöhnlich langen Lebens, und lebte weitere 15 Jahre, nachdem er uns seine Geschichte erzählt hatte. Er verstarb im Jahr 1984.

Rabbi David Twerski, der Tolner Rebbe, lebte von 1808 bis 1882. Am 10. Ijar / 22. April 2002 jährte sich sein Todestag zum 120. Mal.

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