Rabbiner Simcha Levenberg und seine Frau Tzirel Levenberg, die Leiter des Chabad Hauses an der University of Massachusetts, in Amherst, hießen Matisyahu, seine Frau Tali und deren Baby Laivy in ihrem Chabad Haus willkommen. Die jüdischen Studenten in Amherst waren absolut begeistert über diese Nachricht, so Rabbi Levenberg. So ergab sich die Möglichkeit mit Matisyahu über Pessach und den Grund für seine Wahl bezüglich Pessach zu sprechen.
Chabad: Was kannst du uns über deine Pessach-Seder erzählen?
Matisyahu: Meine frühesten Erinnerungen an Pessach haben mit meinem Großvater zu tun, der ein sportlicher Mann, ein Basketball-Spieler war. Es war immer wunderbar, wenn der Afikoman versteckt wurde und wir ihn suchen konnten. Wenn wir ihn gefunden hatten, dann war Großvater immer sehr großzügig mit Preisen ... !
Heute ist Pessach einerseits ein ganz schön schwieriger Feiertag für mich. Ich meine, neben den ganzen Aktivitäten zur Reinigung des Haushalts, sitzt du dann am Seder-Tisch und ißt Matzot bis zu einem Punkt, an dem du glaubst zu explodieren (lautes Lachen). Ich meine, es ist teilweise wirklich nicht einfach ...
Chabad: So ist dies alles? Reinigen und essen bis zum Exzess?
Matisyahu: Aber natürlich nicht. Pessach ist das Ausbrechen aus unseren Zwängen, das Erreichen persönlicher Freiheit. Jeder von uns ist innerlich in irgendeiner Art versklavt und Pessach hilft uns diese Versklavung zu überwinden und frei zu sein. Wenn wir Dinge tun, die jenseits dessen sind, was uns angenehm ist, erweitert dies unsere Grenzen für ein höheres Ziel, einer höheren Berufung, die uns befreit.
Der Lubawitscher Rebbe verwies darauf, dass Howard Hughes über alle Maßen gefangen war. Je mehr Reichtümer er in der materiellen Welt erlangte, umso einsamer wurde er. Er starb bemitleidenswert.
Wahre Freiheit ist ein Status des Bewußtseins. Das Akzeptieren eines Höheren Wesens ist wirkliche Befreiung.
Chabad: Wie erreicht jemand deiner Meinung nach persönliche Freiheit?
Matisyahu: Für mich ist Selbstbeobachtung und Meditation wesentlich. Chassidische Philosophie legt großen Wert auf beides und bietet jedem wunderbare Methodiken dies zu erreichen. Viele der Gebete und chassidischen Meditationen helfen mir diesbezüglich.
Chabad: Und wie erreichts du diese Freiheit?
Matisyahu: Ich studiere weiterhin jeden Tag die Thora, mit einem besonderen Schwerpunkt auf den chassidischen Diskursen. Insbesondere vor den Feiertagen. Dies hilft die Rituale und Praktiken wirklicher werden zu lassen und integriert dieses in das, was ich im hier und jetzt erfahre. Sowohl meine Frau, Tali, wie auch ich versuchen so viel wie möglich zu lernen. Es gibt uns Halt und richtet unsere Kraft auf das, was wirklich wichtig ist.
Chabad: Wie beeinflußt das deine Musik?
Matisyahu: Alle meine Lieder sind beeinflußt und inspiriert durch die Lehren, die mich inspirieren. Ich möchte, dass meine Musik eine Bedeutung hat, dass sie Menschen berühren kann und sie zum nachdenken anregt. Der Chassidismus lehrt, dass Musik “die Feder für die Seele” ist. Musik dringt in das Innerste vor und spricht uns in einem Weg an, den Worte nicht zu beschreiten vermögen. Der Ausbruch aus der beschriebenen Sklaverei ist ein wichtiges Thema welches ich auch in meinen Liedern aufgreife.
Ich denke, dass dies ist ein Konzept, welches viele Menschen nicht erkennen. Wir denken bei Sklaverei oft an jemanden der uns versklavt, aber in Wahrheit versklaven wir uns oftmals selbst. Wir sind so geschäftig, beeinflußt durch Geld, die Gesellschaft, durch äußeren Druck, dass unsere wahre Identität und Fähigkeiten durch dies alles verdeckt werden kann.
Es ist dies die Sklaverei, welche die Menschen in “Ägypten” hält, in dem falschen Sicherheitsnetz ihrer Leben, in äußeren Ablenkungen, und es hält Menschen davon ab in die Tiefen ihrer Seelen vorzudringen.
Dies geht aber nur, wenn wir realisieren was wir in uns haben, dann können wir von innen nach außen handeln, an Stelle von außen nach innen.
Chabad: Sprechen wir über Matzah und Musik. An dem Tag, an dem wir uns ursprünglich treffen wollten konntest du nicht. Du bist zu Sony gegangen. Was passierte dort?
Matisyahu: Ich war dabei meine Morgengebete zu beenden, als ich eine Gruppe junger Männer sah, die sich darauf vorbereiteten Matzot in Manhattan zu verteilen. Ich erinnerte mich an früher, als ich vor einigen Jahren in einer Jeschiwah studierte und selbst Matzot, Menorot oder was auch immer benötigt wurde, verteilt habe.
Da hatte ich einen Einfall. Ich kaufte ein paar Schachteln und ging zum Sony-Hauptquartier in der Stadt, um diese Erfahrung der Schmurah- Matzot mit einigen Freunden zu teilen. Einige von ihnen waren tief berührt, andere waren wiederum schon ins Wochenende gegangen. Ich ließ die Matzot bei Sony, damit diese weitergegeben werden konnten.
Dies ist wirklich ein sehr gutes Beispiel für das, worüber wir gesprochen haben. Während Brot mit Luft gefüllt ist, die das Ego repräsentiert, ist die Matzah flach, was wiederum für Bescheidenheit und Demut steht. Weißt du, in der Musikindustrie wird das Ego bis an den Punkt getrieben, wo es zu einem Idol wird. Wo du ein Idol wirst.
Die Nachricht, die ich zu überbringen versuche, ist, das Ego tief zu halten und eine Nachricht der Demut und Heiligkeit in die Welt zu tragen. Ich möchte anderen helfen sich ihre Potentiale zu vergegenwärtigen und ihrer Fähigkeiten die Fesseln zu zerreißen, und die Begrenzungen zu überwinden. Ich brachte die Matzot, das flache, selbstlose Brot zu Sony – und Sony vertreibt es für mich.
Ich hinterließ eine Nachricht für jeden den ich nicht antreffen konnte: “Dies ist das Brot des demütigen Mannes!”
Chabad: Okay, die Seder-Nacht kommt und während die Matzah ihren Weg geht, denkt der Geist an Befreiung und Demut. Dies kann überall getan werden, oder?
Matisyahu: Ja, eigentlich schon. Aber es ist wichtig, die richtige Umgebung zu haben. Wenn, aus welchem Grund auch immer, dir die Umgebung nicht zur Verfügung steht, so hast du sie zu erschaffen. Aber einer kann dies nur schwer erreichen.
Chabad: Und deine Wahl in diesem Jahr?
Matisyahu: Wir entschlossen uns für Rabbi Simcha und Tzirel Levenberg, und 150-200 ihrer studentischen Gäste im Campus Chabad-Haus in Amherst. Sie sind unglaublich fröhlich, “down-toearth and kind-hearted people”, und es bedarf eigentlich nicht der Erwähnung, aber auch zwei unserer engsten Freunde.
Chabad: Aber warum nicht etwas nobler, wie etwa ein Hotel oder etwas vergleichbares? Sicherlich würden auch dort einige Freunde vorbeikommen ...
Matisyahu: Die Feiertage in einem Chabad-Haus zu zelebrieren war ein wichtiger Bestandteil meines eigenen spirituellen Wachstums und Lebens. Vor wenigen Jahren war ich derjenige, der an den Tisch kam, Inspiration suchte und ein tieferes Verständnis meines geistigen Erbes erlangen wollte.Ich wiederhole oft, wie Rabbi Korn, an der NYU, ein integraler Bestandteil in meinem Wachstum als Jude wurde.
Für diesen Feiertag fühlten Tali und ich, dass es wirklich schön sein würde, in die Chabad- Umgebung am Campus zurückzukehren und unsere Erfahrungen mit den Studenten zu teilen und von ihren “Kämpfen” und ihren eigenen Suchen zu lernen.
Chabad: Was wolltest du mit den Studenten teilen?
Matisyahu: Als erstes wollte ich den Studenten die enge Verwandtschaft vermitteln. Es ist noch nicht lange her, dass ich im College war und nach Bedeutung und etwas Wirklichem suchte. Ich folgte nicht dem Mainstream, schwamm auch nicht mit dem Strom; ich wußte, dass ich etwas finden mußte das echt war, das Bedeutung und Relevanz hatte.
Ich denke, dass die College-Jahre eine Zeit sind, in der viele Studenten versuchen sich von ihrer Umgebung zu befreien, von der “Maschine” die sie umgibt. Sie sind in einer Ungewissheit, wissen aber nicht wohin zu gehen oder wonach sie genau suchen.
Aus diesem Grund schätze ich die Chabad-Häuser an den Universitäten so sehr. Wann immer ich eines von ihnen besuche, finde ich einen Platz vor, an den Studenten kommen und Fragen stellen können, Antworten bekommen und einen anderen Weg sehen, wie man das Leben betrachten kann.
Chabad: Und wohin führte dich deine Erfahrung im Chabad-Haus?
Matisyahu: Du weißt, ich habe immer gesucht. Ich habe immer intuitiv gefühlt, das alles, was wir in dieser physischen Welt erfahren, einen tieferes Gegenüber hat, emotional, spirituell und so weiter. Das Chabad-Haus führte mich in die Thora im Allgemeinen und (für mich) in die chassidische Philosophie im Besonderen ein. Indem ich zu lernen begann, kam ich schließlich zu Lösungen. Schließlich gab es die Bestätigung, dass die Welt nicht nur zufällig ist.
In dem Chabad-Haus in Amherst teilte ich einiges von dem mit, was ich gelernt hatte, einiges über das, was Pessach, das Fest der Freiheit, für mich bedeutet.
Eine andere großartige Sache war es, dass auch Tali den Studenten einiges von dem lehrte, was sie gelernt hatte. An vielen Plätzen, an denen wir gewesen sind, insbesondere an Universitäten, lehrt auch Tali. Es gibt so viele Aspekte und Stereotypen, die Menschen mit dem Judentum, insbesondere der Rolle der Frau im Judentum, verbinden, und wenn Tali die Möglichkeit hat zu den Menschen zu sprechen und ihren Besorgnissen zu begegnen, ist es unglaublich, wie Menschen sich öffnen können und lernen wollen.
Chabad: Es klingt, als wenn deine Pessach-Erfahrung eine Mischung ähnlicher Ereignisse oder Dinge ist.
Matisyahu: Ja, das faßt es wirklich sehr gut zusammen.
Die Wahl, zu den Pessach-Sedern in das Chabad- Haus zu gehen, war ein “Kinderspiel”, da es mit meinen Interessen im Einklang stand.
Dort ist die Suche der Jugend, die Aufrichtigkeit der Fragen der Studenten, die auch für mich wesentlich ist, auf die ich vollkommen eingehe und bei der ich sehr gerne helfen möchte.
Und da ist die Botschaft von Pessach, der Ausbruch aus unseren Zwängen und die Befreiung. All dies fand im Chabad-Haus statt, wo diese Ideale gelehrt und gelebt werden – und dies 24 Stunden am Tag.
Wonach können wir noch fragen?
Chabad: Es klingt, als wenn du dir über deine Prioritäten wirklich im Klaren bist.
Matisyahu: Weißt du, in der letzten Nacht hatte ich eine Erfahrung, die mir die richtige Perspektive wies. Wir können in unseren Leben so gefangen sein, dass wir das größere, bedeutendere Bild aus den Augen verlieren. In der letzten Nacht wurde ich gefragt, ob ich einen 18 Jahre alten Jungen in einem Krankenhaus besuchen könnte, der an einer furchbaren Krankheit litt. Es war sein “letzter Wille”, dass ich ihn besuche, obgleich ich bete eines Tages auf seiner Hochzeit zu tanzen. Als ich zu ihm kam, war das Erste, das er mich fragte, ob ich ihm eine Geschichte über den Rebbe erzählen könnte. Dieser Jugendliche ist jüdisch, aber er ist nicht von einer Lubawitscher Familie oder dergleichen, aber dies war das Erste, was er von mir wollte. Es war so “powerful”. Weil es wirklich die Lehren des Rebbe waren, die mein Leben verändert haben.
So erzählte ich ihm Geschichten und realisierte dabei, dass in dieser Nacht der Geburtstag des Rebbe war. Und ich hatte ein gutes, ein wirklich gutes Gefühl, dass es den Rebbe glücklich machen würde. Ich wünschte, ich hätte ihn gekannt und getroffen, aber hier hatte ich etwas getan, für das er gelebt hat, und ich dachte, er würde von mir wollen, dort zu sein und zu dem Jungen zu sprechen.
In diesem Sinn war, was passierte, wirklich befreiend. Wie der Geschmack von Pessach.
Du weißt, wenn du dich mit jemandem anderen befaßt, dann ist kein Raum für dich, für dein eigenes Ego. Er mag gedacht haben, ich tue ihm mit meinem Kommen einen Gefallen, aber er war wirklich derjenige, der mir einen Gefallen getan hatte.
Chabad: Einige abschließende Worte?
Matisyahu: Ich hoffe alle hatten ein großartiges Pessach. Mögen wir alle persönliche und universelle Freiheit finden! Peace.