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Zweierlei Verlust


Der neunte Tag im Monat Aw ist im jüdischen Kalender jener Trauertag, der so manche Katastrophe, die dem jüdischen Volk widerfahren ist, markiert, insbesondere die Zerstörung des ersten sowie des zweiten Tempels. Doch am Schabbat danach lesen wir als Haftara einen durch und durch tröstlichen Text – eine Passage aus dem Buch Jesaja, die mit den eindringlichen Worten »Tröstet, tröstet mein Volk ...« beginnt.

Eine altbekannte Erklärung für das doppelte »tröstet« besagt, dass sich ein »Trost« auf den Verlust des ersten Tempels und einer auf den Verlust des zweiten Tempels bezieht. - In beiden Fällen ist der Trost, der letztlich wirksam sein wird, die Errichtung des dritten Tempels.

Doch bedarf diese Erklärung näherer Ausführung. Denn die Tatsache, dass für beide Male extra Trost ausgesprochen werden muss, zeigt uns, dass die beiden Tempel in ihrem Wesen nicht ganz gleich waren. Oft wird darauf hingewiesen, dass der erste Tempel eine größere Heiligkeit ausstrahlte als der zweite. Das allein würde uns jedoch bei unsere Frage nicht weiter helfen – im Gegenteil: Man könnten meinen, wenn der Aufbau des dritten Tempels uns über den Verlust des ersten Tempels hinwegtröstet, dann müsse der zweite doch gleich darin inkludiert sein!


Der Lubawitscher Rebbe hat diesen scheinbaren Widerspruch gelöst: Zwar war in absoluten Maßstäben gemessen der erste Tempel der spirituell höherwertige, doch hatte auch der zweite Tempel gewisse Aspekte in sich, die der erste nicht bieten konnte. Welche waren das?

Es war die Kraft der Umkehr (Tschuwa), die das jüdische Volk bei der Errichtung des zweiten Tempels aufbrachte. Der erste wurde in einer Zeit geistiger Hochblüte errichtet – unter der Regierung von König Salomo. In jenen Tagen lebte das jüdische Volk im Allgemeinen gemäß den Geboten der Tora – der Tempel reflektierte Licht, das von G-ttes Willen ausgeht.

Die Generation des zweiten Tempels jedoch tat Umkehr nachdem man auf falsche Wege geraten war. - Dies ist ein Prozess, der aus dem Inneren des Menschen kommt. Somit reflektierte der Tempel zu dieser Zeit das Licht, welches das Volk aus seinen eigenen geistigen Ressourcen hervorgebracht hat. Diese besondere Qualität, die der Umkehr eigen ist, konnte nur der zweite Tempel haben.

So verstehen wir, dass für beide extra von Trost gesprochen werden muss. Allerdings – auch wenn es zweierlei Verlust ist, wird die Heilung letztlich in einem erfolgen. Denn der dritte Tempel wird beide Komponenten in sich vereinigen.

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