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Worte haben Macht


Der Chofez Chaim (Rabbi Jisrael Hacohen, 1838-1933) war gerne bereit, einem anderen bekannten Rabbiner zu helfen, der ihn bei einem Problem in seiner Gemeinde, ebenfalls in Polen, um Hilfe gebeten hatte. Die Teilnahme des berühmten Chofez Chaim würde gewiss erheblich zum Erfolg der Mission beitragen, weil er bei allen Gemeindegliedern in hohem Ansehen stand.

Auf ihrer Reise machten die beiden Rabbiner in einer Raststätte halt, um zu essen. Sie speisten gerne dort, weil die jüdische Wirtin dafür bekannt war, dass sie Kaschrut genau einhielt. Sie gab den Gästen einen besonderen Tisch und behandelte sie überaus zuvorkommend. Nach dem Mahl erkundigte sie sich, wie es geschmeckt habe.

Der Chofez Chaim lächelte höflich und sagte: „Es war sehr schmackhaft und hat vorzüglich gemundet. Ich danke dir.“ Sein Begleiter sagte: „Das Essen war sehr gut, danke. Nur die Suppe hätte ein bisschen mehr Salz vertragen.“

Als die Wirtin gegangen war, wandte der Chofez Chaim sich entrüstet an seinen Begleiter: „Unglaublich! Mein Leben lang habe ich Laschon Hara (üble Nachrede) vermieden. Nun mache ich eine Reise, um eine Mizwa zu befolgen, und muss mir anhören, wie du Laschon Hara redest! Ich bedauere zutiefst, dass ich mich auf diese Reise eingelassen habe – sie kann keine wahre Mizwa sein. Andernfalls wäre mir nicht so etwas Schlimmes begegnet!“

Der andere Rabbiner war erschrocken. Er hielt seine Bemerkung für ganz harmlos. „Was war so schrecklich an meinen Worten? Ich habe noch nur gesagt, dem Essen habe ein wenig Salz gefehlt und ansonsten sei es sehr gut gewesen!“

Der Chofez Chaim erklärte: „Offenbar weiß du nicht, welche Macht Worte haben! Überlege einmal, welche Kettenreaktion deine Bemerkung auslösen kann. Die Wirtin kocht bestimmt nicht selbst; sie hat wahrscheinlich eine Köchin, vielleicht eine arme Witwe, die von ihrer Arbeit abhängt. Wegen deiner Gedankenlosigkeit wird die Wirtin ihre Magd ermahnen, weil sie das Essen nicht genug gesalzen hat. Um sich zu verteidigen, wird die Köchin lügen und behaupten, sie habe genug gesalzen. Die Wirtin wird sie als Lügnerin beschimpfen, weil dein Wort ihr gewiss mehr gilt als das einer Magd. Die Folge wird ein Streit sein, und in ihrem Zorn wird die Wirtin die arme Köchin entlassen, so dass diese sich und ihre Familie nicht mehr ernähren kann. Bedenke nur, wie viele Sünden ein paar nachlässige Worte verursacht haben: Du hast Laschon Hara gesprochen, und andere haben es gehört. Die Wirtin hat das Laschon Hara wiederholt. Die arme Köchin wurde zu einer Lüge verführt. Die Wirtin beleidigte sie. Ein Streit wurde ausgelöst. Das alles verstößt gegen die Torah!“

Der Rabbiner, der dem Chofez Chaim aufmerksam zugehört hatte, erwiderte respektvoll: „Reb Jisrael Meir, ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, Ihr übertreibt. Meine paar dahingesagten Worte können nicht so viel Schaden anrichten. Ich halte dieses Szenario für unrealistisch.“

Der Chofez Chaim, immer noch empört, stand auf und sagte: „Wenn du mir nicht glaubst, dann folge mir in die Küche, damit du mit eigenen Augen siehst, was du angerichtet hast!“

Die beiden gingen leise in die Küche, wo sich ihnen ein trauriger Anblick bot. Die Wirtin stand vor einer alten Frau und beschimpfte sie. Tränen flossen aus den Augen der Köchin. Der entsetzte Rabbiner eilte zu ihr und bat sie um Vergebung für das Leid, das er ihr zugefügt hatte. Dann bat er auch die Wirtin, ihm zu verzeihen und seine Bemerkung zu vergessen – so ernst habe er es nicht gemeint.

Die Wirtin, die im Grunde ein freundlicher Mensch war, hatte nie vorgehabt, die Köchin zu entlassen, und entsprach der Bitte des Rabbiners gerne. Sie erklärte, sie habe die Köchin nur ermahnen wollen, in Zukunft sorgsamer zu sein, und sie versicherte dem Rabbiner, er brauche sich nicht zu sorgen und der Arbeitsplatz der Köchin sei nicht gefährdet. Der Rabbiner warf dem Chofez Chaim einen vielsagenden Blick zu. Jetzt hatte er begriffen, wie mächtig Worte sein können.

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